Zu den bedeutendsten Bauwerken Pompejis gehört die nach Bombardierung im Zweiten Weltkrieg 1943 wiederentdeckte und 1947 von Maiuri ausgegrabene sogenannte Villa Imperiale. Den Namen verdankt sie herrschaftlichen Charakter.

In Panoramalage unweit der Porta Marina beeindruckt das Bauwerk durch eine großzügige Dimensionierung und die exponierte Lage. Dem entspricht die
Dekoration in einer Reihe von Sälen. Sie zerfällt in zwei Phasen, eine augusteische um 20 v.Chr.- des Dritten Stils- und eine neronisch/flavische-
des Vierten Stils- zwischen 60 und 70 n.Chr. Die Malereien der ersten Phase
dokumentieren einen Geschmackswandel. Dienten davor in der römischen
Republik die Wandbemalungen der Illusion eines sich nach außen in Höfe und
Kolonnaden verlierenden Blicks, kehrte sich die Intention um. Man täuschte
nun ein Interieur aus wertvollen Metallen und Steinmaterialien vor mit zierlichen Säulchen und kleinen, auf Simsen stehenden Miniaturarchitekturen und Tafelbildern. An die Stelle von herrschaftlicher, pompöser Kulissenmalerei trat die kunstvolle Raffinesse einer kostbaren und teuren Innenausstattung. Das raffinierte Schmucksystem schöpft aus der gesamten Motivpalette des Römischen Reiches und bezieht daher auch ägyptisierende Motive ein. Und im Zentrum der Wand findet sich nicht wie zur Zeit der Republik der Blick auf eine sakrale Architektur, sondern auf eine großfigurige mythologische Szene oder ein ausgedehntes idyllisches Landschaftspanorama.

Die zur Zeit für Besucher nicht zugängliche Villa Imperiale liegt vor den
Toren der Stadt und ist in wenigen Gehminuten, vom Bahnhof, Station "Pompei, Villa dei Misteri/Pompei Scavi", kommend durch den Haupteingang Porta Marina erreichbar. Die Via Marina, ehemals wichtigste Verbindung zwischen Küste und Stadt, führt bergauf zur doppeltorigen Porta Marina. Kurz vorher führt rechts in südwestlicher Richtung eine 8O Meter lange Portikus, eine Säulenhalle, von der noch Reste erhalten sind, zum Gebäudekomplex der Villa Imperiale. Die Lage der kaiserzeitlichen Villa ist in mehrfachem Sinne priviligiert. Im Laufe des 1.Jahrhunderts v.Chr. entstanden nämlich an den Abhängen im Westen und Süden der Stadt die sogenannten Hanghäuser. Eines dieser weiträumigen, von Gartenanlagen umgebenen, prächtigen Häuser ist die an die alte Stadtmauer gebaute Villa Imperiale mit herrlicher Aussicht auf den Golf von Neapel.

Die einmalige Bedeutung der Villa Imperiale schlägt sich nicht nur in der Panoramalage, sondern vor allem in der Nähe zum sakralen Zentrum des römischen Pompeji, dem Tempel der Venus, der Stadtpatronin Colonia Cornelia Veneria Pompeianorum nieder. Die Kolonisten - Pompeji war nach sullanischer Belagerung römische Bürgerkolonie geworden und hatte circa 2000 Veteranen aufnehmen müssen- hatten den aufs kostbarste ausgestatteten Tempel auf einer 30 x 15 Meter grossen Terrasse in landesbeherrschender Position über dem Flußtal plaziert mit freiem, unbegrenzten Blick auf das Meer.
"Auf diese Weise kam es optisch zu einer Verbindung der Villa mit dem darüber hinausragenden Heiligtum, und man ist an den in religiöser und ideologischer Absicht hergestellten Bezug erinnert, der zwischen dem Haus des Augustus auf dem Palatin und dem darüberliegenden Apollontempel in Rom besteht", (Umberto Pappalardo).

Die Geschichte der VIMP

Die Villa Imperiale ist eigentlich ein Schwarzbau. Sie wurde nämlich im letzten Jahrzehnt des 1.Jahrhunderts v. Chr. von ihrem damaligen Eigentümer widerrechtlich auf öffentlichem Terrain am Abhang der Stadtmauer errichtet.

Nach dem Erdbeben von 62 n.Chr. im IV.Stil erneuert, wurde die Villa auf Geheiß des kaiserlichen Praefekten Tito Suedio Clemente im staatlichen Auftrag zurückerworben oder konfisziert. In vespasianischer Zeit wurde nämlich die Terrasse des Venustempels erweitert und infolgedessen das obere Stockwerk der Villa Imperiale abgerissen. Von den dort geplanten Substruktionsbögen für die Venusterrasse ist nur einer ausgeführt worden und erhalten. "Die prominente Lage des Baus und die Nähe zum Venustempel sagen etwas aus über Macht und Einfluß des ehemaligen Eigentümers", so Wolfgang Ehrhardt. "Nicht jeder konnte sich in augusteischer Zeit diesen Bauplatz leisten. Da der Besitzer zu den reichsten und einflußreichsten Familien Pompejis gehört haben muss, ist ein politischer Akt für die Enteignung anzunehmen." Infolgedessen könne man vermuten, daß er nicht zu den Parteigängern Vespasians gehörte, deswegen in Ungnade fiel und sein Besitz verstaatlicht wurde. Überdies konnte man so den Neubau des Venustempels und den Abriß der Villa Imperiale als generösen Akt des neuen Kaisers und seiner volksnahen Politik darstellen, schließt Ehrhardt aus dem erhaltenen Befund.

Der Grundriß der Vimp mit der Sala A

Der uns überkommene Bau stellt sich nun wie folgt dar: Links der Eingang nahe der Porta Marina, die lange Portikus mit Gartenfront, der Empfangsraum (Sala A), der Schlafraum mit Fenster zum Meer (Cubiculum B), das festliche Speisezimmer (Triklinium C) mit Peristyl D und dem Ausblick in den zugehörigen Garten, weitere Räume.
Die Raumanordnung der Villa mit Säulenhallen und -umgängen, deren dekorative Ausstattung sowie die Gartenanlagen waren Ausdruck des gesellschaftlichen und intellektuellen Status des Hausherren in der Tradition hellenistischer Königshöfe des östlichen Mittelmeerbereiches. Von den 43, ehemals weiß stukkierten Säulen der Portikus sind nur noch Reste erhalten. Die durch die Säulenstellung einseitig geöffnete, langgestreckte Halle bot nicht nur Schutz gegen die Sonne, sondern vor allem auch einen lichten, festlichen Empfang für den Besucher.

Die Dekoration der Rückwand im III. Stil, soweit noch erhalten, besteht aus einem Sockel und Paneelen in Schwarz, gemalten Wandverkleidungen, die in unterschiedlicher Farbgebung in der pompejanischen Malerei eine tragende Rolle spielen. Den Abschluß bildet eine Frieszone mit zierlichen Architekturen und eleganten Giebelschmuckelementen auf weißem Grund. Die angrenzenden Gartenanlagen, der Blick auf das blaue Meer und die elegante Portikus ergänzten sich zu einer feudalen Gesamtwirkung.