Wandmalerei in der Sala A

Der beherrschende Raum der Villa Imperiale war und ist die Sala A, der Empfangs- und Gelageraum, einer der größten Säle von Pompeji. Die großzügigen Dimensionen von 6m Breite, 7,5om Tiefe bei 8m Höhe sind vom noblen Geist des Auftraggebers geprägt. Stil und höchstes Bildungsniveau des Eigentümers wie auch der ausführenden Künstler und Werkstätten dokumentieren das Dekorationsprogramm und dessen malerische Umsetzung im III. und IV. Stil.

Die Deckenzone des Vestibüls und des großen, tonnengewölbten Saales sind mit stukkierten Kassetten und Malereien im IV. Stil auf schwarzem Grund geschmückt. Diese wurden nach dem Erdbeben von 62 n.Chr. - also noch vor dem Vesuvausbruch 79 n.Chr.- hinzugefügt, während man die Beschädigungen in den vorhandenen augusteischen Dekorationspartien fast werkgetreu rekonstruierte. Von den in verschieden farbigem Marmor gestalteten, auf die Räume stilistisch abgestimmten Fußböden ist vieles entfernt worden oder nicht mehr erhalten. In Raum A wurde der opus sectile-Boden schon in der Antike (?) entfernt. Auf jeden Fall haben die Ausgräber ihn nicht mehr angetroffen. Gleiches gilt für Raum B. Der Mosaikboden von C ist noch in situ.
Den bestimmenden Raumeindruck der Sala A bilden heute die Wände mit einer ornamental gehaltenen Sockelzone, über der ein figürlicher Fries mit bacchantischen Szenen, geflügelten Erosknaben und Psychen verläuft. Darüber erheben sich zinnoberrote, durch die heiße Asche des Vulkanausbruchs dunkel gewordene, großflächige Paneele, die durch Ornamentbänder akzentuiert werden. In der Vertikale werden diese von schmalen Säulen betont, die ihre
Bekrönung in der darüberliegenden hellen oberen Wandzone durch üppige Dreifachkapitelle finden, auf denen blumenbekränzte, girlandenhaltende Mädchen stehen. Im Zentrum jeder Wamd befindet sich jeweils ein großes mythologisches Bild in einer prachtvollen gemalten Architekturrahmung.

Die drei Gemälde bilden thematisch einen auf Kreta bezogenen Zyklus: An der Rückwand danken die Kinder Athens Theseus für ihre Errettung und die Tötung des Minotaurus. Im Bild der linken Wand verläßt Theseus auf Naxos Ariadne, im Bild der rechten Wand schwebt Daedalus über dem zerschmettert am Ufer liegenden Körper seines Sohnes Ikarus.
Sie finden ihre literarische Entsprechung in einem Dichterreigen, der in sechs Klapptafelbildern, den beliebten Pinakes, in der darüberliegenden hellen Bildzone dargestellt ist. Spielerisch untermalt wird das Ganze vom kultischen Tun und Treiben in den unteren Friesen und ergänzt im oberen schwarzen Teil durch elegante Malereien im IV. Stil.

Die Delikatesse der Malerei überzeugt trotz des in Partien katastrophalen Erhaltungszustandes sowohl in der Gesamtkomposition wie vor allem auch im Detail.

Allein die Schönheit unserer über den Tod des Ikarus trauernden Nymphe (eine Naturgottheit, Allegorie der Vergänglichkeit?), schlägt den Betrachter in ihren Bann, erfüllt den ganzen Raum und ist so zwingend, daß sie jeden Einsatz für dieses Gesamtkunstwerk fordert. Das wehmütig zur Seite geneigte Haupt mit dem klassischen Profil umspielen braune Locken, die ein Blumenkranz mit eingeflochtenen Rosen ziert. Das blau-grüne Gewand verhüllt ihren sehr weiblichen Körper. Umso wirkungsvoller ist der sinnliche Reiz des entblößten, mit einer Goldkette geschmückten Dekolletès und des nackten rechten Armes, den ein hauchzartes, durchsichtiges Obergewand umspielt, das von kleinen Perlen gehalten wird, auf denen noch Lichtreflexe zu erkennen sind.

Als kraftvoller Gegenpart schwingt sich der muskulöse Körper des Daedalos mit riesigen ausgebreiteten Flügeln über Felsen, Meer und Strand, an den der leblose Leichnam des Ikarus gespült wurde. In der Bildmitte ist"Daidalos" in griechischen Buchstaben bezeichnet wie auch die Hauptpersonen der anderen Bilder. Der kretische Themenzyklus war in Pompeji außerordentlich verbreitet, wohl weil man diesen in mythische Beziehung zur Region setzte.

 
 

Das zentrale Bild der Ostwand in der Hauptblickachse zeigt die bereits erfolgte "Tötung des Minotauros durch Theseus". Erkennen kann man die bis auf einen Umhang nackte Heldengestalt (aufgrund des Erhaltungszustandes leider kopflos), deren Hand von einem der dankbaren Athener Jünglinge geküßt wird, zu seinen Füßen das erschlagene Ungeheuer. Zwei Nymphen begleiten die Szene, die linke wird als spiegelbildliche Wiederholung der trauernden Nymphe gesehen. In der Hintergrundsgestaltung wird dem fernen Athen gehuldigt mit einer grünen Athena Statue, die an das große Vorbild der Athena Promachos erinnert. Das fast 17 Meter hohe Kultbild aus Bronze, das die Göttin als Vorkämpferin zeigte, hatte der große Bildhauer Phidias für die Akropolis geschaffen.

Die dritte mythologische Darstellung an der Nordwand ist bedauerlicherweise zu zwei Dritteln zerstört. Man erkennt im rechten Bildteil lediglich den wiederum bis auf einen Umhang nackten, fliehenden Theseus, dem ein behelmter Krieger aufs Boot hilft. Besser erhalten ist die prunkvolle Aedikula, die von einer doppelten Säulenstellung flankiert und einem reich verzierten Giebel geschmückt wird. Verzierte Basen, dazwischen als unterer Fries eine Predella mit bacchantischen Szenen, Ornamentbänder um die Säulenschäfte, das Ganze in brillanter Perspektive gemalt und von dreidimensionaler Wirkung. Vielleicht noch prächtiger ist das Pendant gegenüber in seinen vielen raffinierten Details bis hinauf zur Architravzone über den Säulen, auf denen Seekentauren mit steigenden Hufen den krönenden Abschluß bilden.

Die Nähe dieser Wandmalereien zu gleichzeitigen oder wenig jüngeren in Rom ist schon früh erkannt worden. Erfunden wurde dieser Dekorationsstil in den Hofkunst-Werkstätten der Hauptstadt. "In den Vesuvstädten hinterließ er reiche Spuren; dort kann man in ihm wieder die unmittelbare Verbindung zur Farnesina Werkstatt fassen, und zwar in der sogenannten Villa Imperiale, deren Besitzer wir leider nicht kennen. Im Kolorit lebhafter und im Relief kräftiger als die Malereien in Boscotrecase, sind die Anregungen der Villa in Rom hier in ganz anderer Weise verarbeitet. Mehrere Einzelheiten jedoch, wie die girlandehaltenden Mädchen im großen Oecus, bilden so schlagende Parallelen zur Farnesina-Villa, daß an einer direkten Beziehung nicht zu zweifeln ist" (Theodor Kraus, Das Römische Weltreich, Propyläen Kunstgeschichte, Bd.2, Berlin 1967, S. 55). Die genannten Villen Boscotrecase in der Nähe von Pompeji und die Farnesina in Rom waren federführend für den III. Stil.

Das gilt wohl auch für die "Programmgestaltung". In den fürstlichen Dekorationsprogrammen der Renaissance wurde die antike Tradition wieder aufgenommen. Man beschäftigte eigens dafür ausgebildete Humanisten, um durch die adäquate historische oder mythologische Themenauswahl moralische Tugenden, Tapferkeit oder die glorreiche Abstammung bildhaft zu machen.

Im Empfangsraum wurde dem Gast das soziale und geistige Spektrum des Eigentümers vor Augen geführt. Die großen Gemälde aus dem kretischen Zyklus sind Ausdruck und Bekenntnis zur klassischen, griechischen Tradition und verleihen dem Ambiente Bedeutung und Würde. Der Dichterreigen ist sicherlich als Anspielung auf die Bildung des Hausherren zu verstehen und sollte zum geistigen Austausch anregen.

In der oberen hellen Bildzone der Nordwand sind dargestellt (nach Pappalardo):

1.Bärtiger Dichter mit Muse,der Schutzgöttin der Dichtung, die aufmerksam zuhörend dasitzt; im Zentrum eine Dienerin mit Pedum, einem Stab und komischer Maske als Anspielung auf den Komödiendichter (Aristophanes?).
2.Dichter mit sitzender Muse, im Zentrum tragische Maske (Euripides?).

An der östlichen Rückwand:
3.Alkaios mit Lyra, einem Saiteninstrument und Sappho mit Papyrusrolle. Der beliebte griechische Lyriker aus Mytilene auf Lesbos, wo auch Sappho zuhause war, gilt mit derselben als Vertreter des aiolischen Melos, das ist ein zur Lyra gesungenes Einzellied.
4.Vier bekrönte Dichter, der eine sitzend (Homer und die Kykliker?).

An der Südwand:
5.Auf der Kline, einer Liegestatt, die auch zum Essen verwandt wurde, sitzende Dichterin mit zwei Dienerinnen (Corinna?).
6.Sitzender Dichter mit Lyra (Pindar?), daneben zwei Musen und eine Dienerin.

Selbstverständlich durfte die Hommage an die Götter nicht fehlen, die in Friesen und Predellen ihren Ausdruck findet, etwa durch die Tätigkeiten von Psychen und Eroten, die mit Jagdszenen, Parfumherstellung oder bacchantischen Szenen Diana, Aphrodite oder Dionysos huldigen.

Weitere Säle in der VIMP

Das Schlafzimmer -(Cubiculum) B

Der Grundriß des Raumes zeigt seine Funktion: In einem an einer Schmalseite abgehenden, etwas erhöhten Alkoven war ein Ruhebett aufgestellt. Hier konnte man durch drei hohe und weite Fenster den Blick auf den Neapler Golf und die grünen Berge von Stabiae genießen. Der weiße Grund der Wandbemalungen verleiht dem Raum einen lichten, hellen Charakter passend zum heiteren Bild des blauen Meeres. Wie in Saal A täuschen die weißgrundigen Dekorationen der Zeit um 20 v.Chr. eine kostbare Innenarchitektur mit schlanken, hoch aufragenden Säulen, Baldachinen und Kandelabern vor, zwischen denen sich zierliche Girlanden spannen. Unterhalb eines Rundbogens war sicherlich wieder ein figürliches Paneel gemalt, das heute leider verloren ist. Um so reizvoller fällt der gemalte Zierrat ins Auge, die von einem Rundbogen herabhängende, innen silberne, außen goldene Glocke, die kleinen auf der Scherwand aufgestellten Miniaturarchitekturen, die rechteckigen Tafelbildchen mit mythologischen Szenen. Darunter erkennt man eine Darstellung der Begegnung zwischen der Jägerin Atalante und dem Heros Meleager, der ihr das Fell des von ihm getöteten kalydonischen Ebers schenkte.


Das Speisezimmer (Triklinium) C

Auch in diesem großen und hohen Saal fanden Empfänge und Festbankette statt. Wieder beherrschen an drei rotgrundigen Wänden großformatige, in Baldachinen eingefügte Bilder das Zentrum der Dekoration. Anders als in Saal A stellte man hier keine großfigurigen Szenen des griechischen Mythos dar, sondern ausgedehnte, sich unter einem leuchtend blauen Himmel ausbreitende Landschaften. Das schweifende Auge entdeckt bei näherer Betrachtung des an der Nordwand erhaltenen Bildes, einen vom Berg herabstürzenden Wasserfall, einen an diesem idyllischen Platz errichteten Rundtempel mit Altar und Panstatuette. Nicht weit davon entfernt dann der Hirtengott selber in rotbraunem, zottigen Fell. Er hat seine Arme emporgerissen, aus Uberraschung und Freude über die vor ihm schlummernde Maenade. Von dieser halbnackten Frauengestalt erblickt der Betrachter die bis zu den Oberschenkeln nackte Rückenpartie. Lebhaftes, konstrastreiches Kolorit und die Thematik des Bildes erinnern an Gemälde von Carl Blechen und anderer Romantiker des 19. Jahrhunderts.

Der Innenhof ( Peristyl) D

Der Säulengang mit Ausblick auf den zweiten Garten hatte einen schwarzen Sockel und rote Paneele. Hier wurden die Rückwände der umlaufenden Portikus als Pinakothek genutzt. In der Oberzone der Wand waren in regelmäßiger Folge wieder in einer Landschaftskulisse griechische Mythen dargestellt. Die Gemälde waren mit girlandehaltenden Mädchen an den Seiten festlich gerahmt. Die Darstellung der "Sieben gegen Theben" zeigt den Kampf zwischen Eteokles und Polyneikes um die Stadt Theben vor den Reihen der gepanzerten Krieger. Der Sohn des Oedipus und der Iokaste war im Streit um die Herrschaft in Theben im Zug der Sieben gegen Theben gegen seinen Bruder Eteokles gezogen, worauf beide im Zweikampf fielen. Eine Nymphe mit Amphora am linken unteren Bildrand wird als Hüterin der sieben Tore Thebens gedeutet, zwei Frauen dahinter als Elektra und Antigone, die dem Kampf von Eteokles und Polyneikes beiwohnen. Thema des zweiten Bildes ist die Tötung der Kinder der Niobe durch Apoll und Artemis.Die sehr bruchstückhaft erhaltene Szene spielt in einer bergigen Landschaft mit einem Apollo-Heiligtum. Die rächende Göttin Artemis im Chiton, dem gegürteten Untergewand, mit wie zum Segel geblähten Umhang spannt den vergoldeten Bogen und schießt ihre todbringenden Pfeile auf die mit der Jagd beschäftigten Kinder der Niobe.

Während diese beiden Bilder im Saal C untergebracht sind, befindet sich das dritte noch in der Portikus. Es stellt die Bestrafung der Dirke dar, spielt also wieder in Theben. Dirke wird von den Söhnen der Antiope wegen schlechter Behandlung ihrer Mutter an einen Stier gebunden und zu Tode geschleift. Leider ist das Bild heute fast völlig verschwunden, man erkennt nur noch die Silhouette der Dirke, die vom Stier geschleift wird.